Buchtipp: Netzgemüse - Aufzucht und Pflege der Generation Internet

Bild des Benutzers Nicola Rössert

Buchcover: NetzgemueseAls Netzgemüse bezeichnen Tanja und Jonny Haeusler unsere Kids, die sich als Digital Natives mit manchmal beunruhigender Selbstverständlichkeit durch die für uns Erwachsene oft so fremde Welt namens Internet bewegen. Beide Autoren sind selbst Eltern von Netzgemüse und haben darüber ein sehr unterhaltsames Buch geschrieben, in dem sie mit uns nicht nur ihre vielfältigen Erfahrungen und Sorgen zum Thema Internet teilen, sondern vor allem eins beabsichtigen: Uns Erwachsenen Lust zu machen, diese Online-Welt als von Menschen geschaffenes Offline-Äquivalent mit unseren Kindern gemeinsam und freudvoll zu entdecken. Das Buch ist eine Einladung, von unseren Kindern zu lernen, zu verstehen, was sie am Internet reizt und dabei selbst Spaß am Erforschen des Netzes zu bekommen.  Ziel ist, uns "einen neugierigen Blick auf die Welt der digitalen Gesellschaft zu eröffnen, welche die Zukunft unserer Kinder prägen wird. Eltern Vertrauen in ihre eigene Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit bei der Aufzucht und Pflege ihres Netzgemüses zu geben." Denn, "die digitalen Medien und das Internet sind für unsere Kinder keine Technologien, sondern Lebensraum und Kultur."

Und wer sich in einem Lebensraum nicht auskennt, der läuft sogar in einer imaginären Stadt wie Bielefeld ("Waren Sie schon mal in Bielefeld? Nein? Kennen Sie jemanden, der schonmal...") Gefahr, in düstere Ecken zu geraten. So der Ansatz der Autoren: "Die dunklen Gassen des Netzes relativieren sich ebenso wie die zwielichtigen Gassen Bielefelds, wenn man das große Ganze kennengelernt hat."

Uns (älteren) Erwachsenen ist das Internet zumindest als Spielplatz recht suspekt, denn wir haben diesen als Kinder nicht besuchen können. Platz für Quatsch machen war anderswo. Deshalb hält sich unsere Begeisterung für schwachsinnige Videos und idiotische Pixelkreaturen verständlicherweise in Grenzen. Der Mangel an Erfahrung sollte uns allerdings nicht von unserer Sorgfaltspflicht entbinden: "Ebenso, wie unsere nicht schwimmende Großmutter dafür gesorgt hat, dass ihre Kinder schwimmen lernen, können Eltern dafür Sorge tragen, dass ihre digital Geborenen nicht im World Wide Web versinken, und genau wie unsere Großmutter sollten wir uns darüber freuen, dass unsere Kinder Kompetenzen entwickeln, die wir unter Umständen nicht haben und deren Sinn uns fragwürdig erscheint. Wenn wir unsere elterliche Verantwortung ernst nehmen, müssen wir den digitalen Lebensraum im Sinne der kommenden Generation schützen. Uns einmischen, interessieren und ihn vor allem mitgestalten."  Der erste Schritt ist, das Internet, die digitalien Medien, die sozialen Netzwerke, Video- und Onlinespiele nicht von vorneherein zu verdammen, sondern sie als Teil der modernen Gesellschaft zu akzeptieren.

Natürlich sind die Autoren nicht naiv und stellen selbstverständlich auch die negativen Seiten des Internets zur Diskussion und geben hier viele sachdienliche Hinweise. Anhand umfangreicher Erfahrung mit dem eigenen Netzgemüse gelingt es Tanja und Jonny Haeusler sehr anschaulich und mit einer guten Portion Humor zu vermitteln, dass die Herausforderung der Erziehung von Digital Natives für uns Eltern mit wenig Ahnung von der Materie, vager Angstmacherei und Unverständnis für die digitalen Bedürfnisse der Kids nur schwer zu meistern ist. Sie laden uns ein, von unseren Kindern zu lernen und sie geben uns Beispiele und Anregungen, wie man dabei auf einen grünen Zweig kommen kann. Denn Internet macht nicht blöd. "Wenn etablierte Wissensstrukturen aufgeweicht werden oder gar am Thron der Lehrhoheit gesägt wird, bedeutet das nicht den Untergang der Bildung, sondern eine neue Form der Auseinandersetzung mit ihr." Und wenn man sich darauf einlässt, ist man plötzlich überrascht, wieviel Spaß das Internet machen kann und wieviel positiven Rückhalt und Wissensvermittlung man erfahren kann.

Via YouTube z.B. kann man sich nicht nur bescheuerte südkoreanische Kulttänzchen (Gangnam) anschauen, sondern sich generationsübergreifend z.B. gemeinsam die Lieblingsmusik von heute, gestern und sogar vorgestern anhören und darüber miteinander ins Gespräch kommen. Außerdem lässt sich der Kanal bestens als Selbsthilfeportal für alles mögliche nutzen. Von A wie Auto reparieren bis Z wie Zuckermandeln herstellen. Auch die leidigen Hausaufgaben können mehr Spaß machen, wenn man dazu einen passenden Youtube-Beitrag findet.

"Wenn wir Kulturbereiche wie YouTube ignorieren, weil sie uns zu fremd erscheinen oder einfach nicht unsere eigenen sind, und wenn wir damit signalisieren, dass wir diese Kulturbereiche blöd finden oder gar ablehnen, dann werden sich unsere Kinder in Ernstfällen im Zusammenhang mit ihren Medien und Kommunikationskanälen auch nicht mehr an uns wenden. Und das könnte fatal sein. Je mehr wir Plattformen wie YouTube gemeinsam ausprobieren und nutzen, je mehr wir dabei miteinander reden, desto besser können wir uns austauschen und voneinander lernen."

Wir sollen von den Kindern und gemeinsam mit ihnen lernen? Und was lernen die Kinder von uns? "Die wichtigsten Kompetenzen für unsere Kinder sind auch im Internet nur bedingt technischer Natur. Es sind in erster Linie kulturelle und soziale Techniken, in deren Bereich wir uns als Eltern durchaus auf Erfahrungen verlassen können, die wir ohne das Internet gewonnen haben. Denn im weitesten Sinne gelten ganz besonders im Internet, das immer mehr auf sozialen, also zwischenmenschlichen Strukturen basiert, online wie offline die gleichen moralischen und ethischen Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders. Und wenn wir auch als Eltern vielleicht nicht wissen, wie ein Router funktioniert, so wissen wir doch sehr genau, wie man sich gegenüber anderen Menschen benimmt, und können dies unseren Kindern mit auf den Weg geben."

Netzgemüse - Aufzucht und Pflege der Generation Internet
von Tanja und Jonny Haeusler
Goldmann Verlag 2012
Taschenbuch, 288 Seiten, € 9,99

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